(zuerst auf http://www.kulissenblog.de veröffentlicht):
Ein Schriftsteller-Kollege meinte einmal, es gäbe für ihn nichts Schlimmers als über sich selbst zu schreiben. Nun, ich leide noch nicht an Magenkrämpfen, Pickeln oder absterbenden Gliedmaßen. Ich finde sogar Gefallen daran, meinen Weg zu beleuchten. Wo ich herkomme, wo ich stehe und wo ich hin will. Mache ich eigentlich viel zu selten. Ich bin mit Büchern aufgewachsen. Unsere Wohnung bestand eigentlich fast nur aus Büchern, zumindest im Wohnzimmer und im Arbeitszimmer meines Vaters stapelten sich Fach-, Sach-, und Belletristik vom Mittelalter bis zur Literatur der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Dabei waren viele Ausgaben doppelt vorhanden. Andere Illustratoren oder eine andere Typographie. Mein Vater war ein Bücherjunkie. Um das Leben unserer Familie und sein kostspieliges Hobby zu finanzieren, arbeitete er als Studiendirektor für Latein, Griechisch, Russisch und Deutsch. Wenn er mittags nach Hause kam, legte er sich nach dem Essen auf die Couch und hörte klassische Musik, am liebsten Barock. Danach verschanzte er sich bis zum Abendessen in seinem Arbeitszimmer las, schrieb, studierte alte Schrifte oder erlernte neue Fremdsprachen. Für mich gehörten, seit ich lesen kann, Bücher zum täglichen Leben. Mein Lesedurst wurde zunächst von der Gladbecker Bibliothek gestillt: Karl May, Cooper, Stevenson. Das waren Autoren, die nicht zu Hause zu finden waren. Mir gefiel die Welt meines Vaters; allerdings war ich schon ein wenig neidisch auf die Commodore 64s meiner Schulkollegen. Die Sommerspiele in L.A. hätte ich auch gerne virtuell nachverfolgt. Doch so was gab es bei uns nicht. Schon bald erkor mir mein Vater als seinen Lektor. Er schrieb Kurzgeschichten, die er mir vorlas und mich zu meinem Urteil fragte. Viele waren gut, manche sogar genial, andere hingegen vertraten für einen normalen Jungen der 80er seltsame moralische Ansichten. Vorehelicher Geschlechtsverkehr oder Frauen im Beruf wurden verspottet. Naja, jeder ist Gefangener seiner eigenen gedanklichen Welt. Ein einschneidendes Erlbnis auf meine heutige Karriere fand in meinem dreizehnten Lebensjahr statt. Ich wollte auch schreiben, wie mein Vater. Das fand ich sowas von cool. Stories wie Bukowski, Gedichte wie Morrisson und Rimbeaud. Aber erst mal klein anfangen, dachte ich mir. Ich schrieb für meine kleine Schwester ein Märchen, packte sogar eine Message rein und verkleidete sie in blumige Worte. Ich platzte vor Stolz, als ich meinem Vater meine erste Geschichte präsentierte. Der las sie, schob die Brille höhe und sagte: »Mein Junge, dieser Text ist epigonal.» Welcher dreizehnjährige Köttel weiß, was epigonal bedeutet. Ich behaupte, keiner. Ich spürte nur, dass meinem alten Herrn mein Text nicht gefiel. Ich schaute im Brockhaus nach und fand heraus, dass mein Märchen unoriginell abgeschrieben sein sollte. Enttäuscht zerriss ich den Text und gab die Schreiberei auf. Mit neunzehn schrieb ich nur noch zwei mittelmäßige Texte für die Abizeitung. Das war’s. Gefunden hat mich das Wort erst wieder durch eine gewisse Leere. Wie fast jeder junge Mensch spielte ich in diversen Rockbands, mal Gitarre, mal Keyboards, mehr schlecht als recht aber voller Begeisterung. Diese teilten jedoch nicht alle Bandmitglieder. Nachdem mein Freund Martin Springenberg und ich zum gefühlten zwanzigsten Mal alleine vor dem Bunker standen, in dem unsere Band Arden probte, beschlossen wir, die Instrumente an den Nagel zu hängen. Doch was sollten wir tun? Es musste etwas sein, wobei nur wir beide involviert waren, weil wir uns aufeinander verlassen konnten. Malen konnten wir beide nicht. Da kam mir nach zwanzig Köpis die Idee: Wir könnten zusammen ein Buch schreiben. Wir lasen beide gerne Krimis. Damit stand das Genre fest. Wir wollten aber keinen Null-Acht-Fünfzehn-Schmöker wie die gerade in Mode kommenden Regionalkrimis verfassen. Er sollte originell und witzig sein. Zu dieser Zeit lief im Fernsehen die außerordentlich packende Serie Ausgerechnet Alaska. Protagonist war ein New Yorker Arzt, der sein Stipendium in Alaska abarbeiten musste. Und dieser Dr. Joel Fleishman hasste Alaska. Diese Konstellation klaute ich und schuf Dieter Nannen, der von Essen ins Münsterland ziehen musste und diesem feindlicher gegenüberstand als Rambo der ganzen Welt. Nach dem ersten Kapitel gab ich Martin meinen Text, und er führte die Story fort. Dann war wieder ich an der Reihe. Und so schrieben wir innerhalb von einem Monat die Urversion von Schwein gehabt, die damals den langweiligen Titel Berufswechsel und Konsequenzen trug.
Martin und ich schrieben drei Krimis innerhalb kürzester Zeit runter. Wir waren stolz. Das Konzept war gut, Figuren und Handlung witzig. Sowas gab es bisher auf dem deutschen Krimimarkt noch nicht in der Form. Mit einer gesunden Dosis Selbstbewusstsein ausgestattet schickten wir unsere Manuskripte an alle großen Verlage. Erstaunlicherweise hagelte es nur Absagen. Wir waren etwas gefrustet. Dann schickten wir unsere Entwürfe an mehrere kleine Verlage. Ebenfalls nur Ablehnungen. Wie konnten wir nur so verkannt werden. Doch dann erhielten wir Post von einem Verlag in Offenburg. Der Verlegerin gefiel unser Buch außerordentlich gut. Sie wollte es veröffentlichen. Strike. Zur Unterschrift nahmen wir uns einen Tag Urlaub und gondelten in den schönen Südwesten unserer Republik. Die Dame erwies sich als außerordentlich charismatisch. Ihre Ekstase über unsere Werke sprudelten förmlich aus ihren Lippen. Aber irgendwas störte uns. Schließlich kamen wir drauf: Sie hielt sich so allgemein, dass sie unser Buch gar nicht gelesen zu haben schien. Schließlich rückte sie damit heraus, dass wir eine gewisse Anzahl von Exemplaren selber erwerben mussten, uns quasi am verlegerischen Riskio beteiligen sollten. Damals gab es kein Internet, wo man sich über Verlagspraktiken hätte informieren können. Zähneknirschend unterschrieben wir. Ich pumpte mir die dreitausend D-Mark, für einen Studenten ein Heidengeld, von meiner Oma. Und: Und wir hörten nichts mehr von diesem Verlag. Die Chefin war auf einmal nicht mehr für uns zu sprechen. Ständig auf Auslandsreise, unterwegs in Sachen des Wortes. Die Arme. Und nach zwei Monaten erhielten wir Post von der Staatsanwaltschaft Offenburg. Der Verlag sei pleite, bei Vertragsabschluss sei klar gewesen, dass keine Bücher hergestellt werden konnten. Wir waren am Boden zerstört. Für Jahre. Bis durch das Internet Print-on-demand-Verlage bekannt wurden. Wir entschieden uns, Schafe & Killer (später Die Sau ist tot) als BoD herauszubringen. Natürlich musste das Buch verkauft werden, und das tat es. Monatelang standen wir auf Platz 1 der BoD-Bestsellerliste. N24 drehte einen Beitrag über mich. Die Produktionskosten waren schon lange eingefahren. Da erhielt ich eine Mail. Ullstein sei an der Serie interessiert und bat uns, die Manuskripte zuzuschicken. Zwei Monate später hielten wir den Buchvertrag mit einem der Großen in den Händen. Klasse, da hatte sich die Plackerei gelohnt. Mittlerweile haben wir dort drei Romane (Schwein gehabt, Die Sau ist tot, Die Sau und der Mörder) veröffentlicht, hunderte Fahrtkilometer für Lesungen runtergerissen und Hektoliter Kaffee vernichtet. Mein neues Buch Bestseller habe ich mit Hinweis auf die Verkaufserfolge unserer Nannen-Krimis wieder voll Optimismus an verschiedene Verlage geschickt. Die Resonanz war allerdings schlechter als zu Beginn unserer Karriere, denn ich habe ganze zwei Absagen erhalten, die anderen haben sich gar nicht gemeldet. Daher bin ich den Schritt back to the roots gegangen. Bestseller erscheint im Eigenverlag als BoD. Ich bin mir sicher, dass auch dieser Roman gut bei meinen Fans ankommen wird. Und was die Zukunft bringt? Ich lasse es euch wissen.
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